Gelten die von Alan Wolk als TV Mythen bezeichneten Mechanismen auch in Deutschland? Wie geschrieben, will ich die einzelnen Mythen genauer unter die Lupe nehmen. Ich beginne mit dem Cord-Cutting, d.h. der vermuteten Abwanderung vor allem technisch versierter Millenials weg vom Kabel-Abo hin zu non-linearen Video on Demand Diensten wie Netflix. Alan Wolk widerspricht und führt an, dass Kündigungen des Kabelanschlusses häufig ökonomisch bedingt sind und nicht zwingend dazu führen, einen Ersatz zu buchen.

Ausgangssituation – Preissstruktur im deutschen TV-Markt

Um die These für den deutschen Fernsehmarkt zu untersuchen, bedarf es zunächst einer kleinen Anpassung. Im Vergleich zum stark durch Pay-TV-Angebote geprägten US-Markt ist der deutsche TV Markt anders strukturiert. In den USA fallen, je nach Kabelanbieter, zwischen 65 und 85 US-$ pro Monat (46,90 – 61,33 € lt. Wechselkurs vom 11. März) für einen Kabelempfang an. Als Grundlage meiner Preisrecherche habe ich angenommen, dass zumindest das Angebot von HBO und damit Serien wie Game of Thrones im Kabelpaket enthalten sein sollten. In den USA lassen sich für den Wechsel zu reinen Video on Demand Anbietern drei Motive ausmachen. Der Wunsch nach Kostenersparnis, der Wunsch nach einer individuellen und unabhängigen Programmgestaltung sowie der Wunsch nach guten, auf die eigenen Konsumwünsche angepassten Inhalten. Dass Wolk für die USA vor allem ersteres als Grund für Cord-Cutting ausmacht, hat er hier ausgeführt.

Im Gegensatz dazu sind die Kosten für Fernsehen in Deutschland relativ niedrig und unterscheiden sich je nach Empfangssituation. Kostenlos ist Fernsehen nicht, auch wenn das häufig so klingt. Basiskosten sind 17,98 € Rundfunkbeitrag pro Haushalt, was man auch immer davon halten mag, gleichzeitig decken diese Gebühren aber auch den Radiokonsum und den Konsum von Medien über das Internet ab. Zusätzlich fällige Kosten ergeben sich aus dem Übertragungsweg. Während für DVB-T keine weiteren Kosten anfallen, sind beim Kabelfernsehen für ein umfassendes HD-Paket, am Beispiel Kabel Deutschland berechnet, weitere 18,90 € pro Monat fällig. Für den Empfangsweg Satellit belaufen sich die monatlichen Kosten für ein erweitertes Set an HD-Sendern auf rund 4,20 € im Jahr. Damit fallen für den Konsum von Free-TV im Monat zwischen 17,98 € und 36,88 € an. Die Abonnentenzahlen für Pay-TV steigen, darüber hinaus ist im Schwerpunkt eine Wechselstimmung vor allem zwischen klassischem Free TV hin zu Video on Demand Anbietern zu suchen. Diese sind im Gegensatz zu den USA aber mit steigenden Kosten verbunden, auch wenn sich die Preise für aktuelle Angebote wie Prime Instant View, Maxdome oder Watchever im Bereich von unter 10 € bewegen. Als Motivation bleibt für die deutschen Fernsehzuschauer der Wunsch nach passenden Inhalten, und in Abstrichen der Wunsch nach einer unabhängigen Gestaltung des Fernsehprogramms. Diese ist, eine entsprechende technische Ausrüstung vorausgesetzt, auch schon heute via Mediatheken der Sender oder Festplattenrecorder möglich, wenn man mit dem Programmangebot und der damit verbundenen Ausstrahlungsfrequenz zufrieden ist. Binge Viewing ist mit dem frei verfügbaren Fernsehangebot kaum möglich.

Rückgang der Seherzahlen?

Soviel zur Einleitung, doch nun zu Zahlen. Ich blicke auf die Seherzahlen, d.h. den Anteil an der für die Messung der AGF erfassten Einwohner Deutschlands (ohne Nicht-EU-Ausländer), die innerhalb eines Monats mindestens einen Tag fern gesehen haben. Auf den ersten Blick ist zu sehen, dass es seit 1988 Schwankungen gibt und der Anteil der Seher an der Gesamtbevölkerung seit 2004 kontinuierlich zurück geht.

Statistik: Anteil der Seher* an der Gesamtbevölkerung in Deutschland an einem durchschnittlichen Wochentag in den Jahren von 1988 bis 2013 | Statista
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Für die weitere Betrachtung habe ich Zahlen der Jahre 2007 bis 2013 aufgearbeitet. Hierbei habe ich aus den Seherzahlen, kombiniert mit der bei Mediadaten Südwest verfügbaren Basis die tatsächlichen absoluten Seherzahlen berechnet und diesen zunächst den Wachstum der Zahlen bei Sky für die Jahre 2008 bis 2013 gegenübergestellt.

Jahr20032004200520062007200820092010201120122013
Seher in Mio.53,6354,1954,0454,0353,6751,4751,3351,7251,4250,3649,65
Sky Abos in Mio.2,42,472,653,013,363,67
Verlust Seher in Mio.0,160,56-0,15-0,37-0,88-1,32-0,140,38-0,30-1,06-0,71
Anstieg Sky in Mio.-0,130,070,180,360,350,31

Was ist die Erklärung für die sinkenden Seherzahlen? Meine Einschätzung nach ist nur ein Teil der Zuschauerverluste tatsächlich auf einen Wechsel zu Video on Demand Anbietern zurückzuführen. Es mag wie eine gewagte Vermutung klingen, aber ein Einflussfaktor ist die sinkende Bevölkerungszahl. Dies wird mit dem Blick auf die zugrunde liegende Basis deutlich. Im Zeitraum von 2007 bis 2012 ging diese um 1,59 Millionen Personen zurück. Im gleichen Zeitraum gingen 2,44 Millionen Zuschauer verloren. Nochmals berücksichtigt, dass im Schnitt der betrachteten Jahre nur ca. 72,5% der Bevölkerung Seher waren, werden, lassen sich knapp 1,15  Millionen fehlende Seher auf einen demographischen Wandel zurückführen. Zahlen des Statistischen Bundesamts bestätigen diesen Trend. Randbemerkung: Die der Reichweitenerhebung zu Grunde liegende Datenbasis der Media Analyse wird erst 2015 an die neu erhobenen Daten des Mikrozensus 2011 angepasst.

Wie in der Tabelle zu sehen ist, sinken die Seherzahlen aber nicht seit längerem, sondern schwanken von Jahr zu Jahr, seit 2011 sinken sie jedoch kontinuierlich. Um diesen Schwankungs-Effekt nochmals zu verdeutlichen, sind in der nachfolgenden Grafik für die größten Free-TV Sender Seherwerte auf Monatsbasis aufgeführt. Die Grafik stammt aus meiner Dissertation und umfasst nur den damals berücksichtigen Untersuchungszeitraum, die Jahre 2005 bis 2009.

Bild1
Seher pro Monat – 2005 bis 2009 – Daten: AGF/GfK Fernsehforschung

Es ist deutlich zu sehen, dass es sowohl jahreszeitliche Schwankungen als auch deutliche Schwankungen der Seherzahlen bei ARD und ZDF im Zweijahresabstand gibt, bedingt durch die Übertragung der Fußball-WM und EM. Die Tendenz weist aber auch hier schon sinkende Seherzahlen für alle großen Sender aus, was an dieser Stelle hauptsächlich auf eine weitere Diversifizierung der Senderlandschaft zurückzuführen ist.

Nutzerzahlen für die Video on Demand Dienste Watchever, Lovefilm und Maxdome werden derzeit nicht offen bekannt gegeben. Schätzungen zu Folge hat Maxdome über 2 Millionen Nutzer, Lovefilm mehr als 2 Millionen Nutzer in Europa und auch Watchever sollte die 1 Millionen User-Grenze bereits geknackt haben. Sofern wir nicht für das Jahr 2014 einen rasanten Abfall der Seherzahlen erleben, wird deutlich, dass der Zuwachs nicht auf Kosten eines Komplettverzichts auf klassisches Fernsehen geht. Im Gegenteil – ich vermute, dass sich die Seherzahlen im Zuge der Sportereignisse eher stabilisieren.

Fazit – ringt Video on Demand das klassische Fernsehen nieder?

1,14 Millionen neue Sky Nutzer und grob geschätzte 4 Millionen Nutzer von Video on Demand Diensten in Deutschland stehen einem Netto-Seherverlust von 1,29 Millionen gegenüber. Damit wird deutlich: wenn sich die Zuwachsraten nicht allein aus dem Pool der bisherigen Nicht-Seher bedienen, ist die große Trendwende noch nicht erfolgt. Video on Demand, auch mit den aktuell niedrigen Preissschwellen wird aktuell als Ergänzung zum TV-Konsum, linear oder non-linear genutzt. Ob über die Testphasen hinaus ein oder mehrere der Anbieter eine feste Größe im TV Markt in Deutschland werden können, bleibt abzuwarten.

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über 7 Mythen, die Alan Wolk zum Niedergang des Fernsehens ausgemacht hatte. Bisherige Beiträge:

Einleitung

Ist Video on Demand die Zukunft – und klassisches TV ein Auslaufmodell?
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2 Gedanken zu „Ist Video on Demand die Zukunft – und klassisches TV ein Auslaufmodell?

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