Internet ist das neue Fernsehen, heißt es, alternativ – das neue Fernsehen befindet sich im Internet. Bevor ich meine Ansicht über die Zukunft des Internetfernsehens weiter ausführe, will ich kurz einen Blick auf das alte bzw. das aktuelle Fernsehen werfen. Was hat Fernsehen in der Vergangenheit ausgemacht? Welche Inhalte wurden wann, wie und warum konsumiert?

Gründe für den Fernsehkonsum

Früher wie auch heute stellt sich vor dem Konsum eines audiovisuellen Inhalts die Frage, warum der Zuschauer überhaupt fern sieht und was sein Rezeptionsverhalten ausmacht. Als Gründe sind denkbar:

  • Ein gezielter Konsum bestimmter Sendungen zu bestimmten Uhrzeiten. Wann ferngesehen wird, hängt zum großen Teil von der persönlichen zeitlichen Verfügbarkeit ab, z.B. zum Feierabend, an Wochenenden,… Daneben haben sich in Deutschland über Jahre hinweg Gewohnheiten ausgebildet. Die Tagesschau als reichweitenstärkste Nachrichtensendung – unter Berücksichtigung der Dritten Programme – legt den Beginn des Fernsehabends auf 20:15 Uhr. Daran konnten auch Versuche der Privatsender, die Prime Time um 20 Uhr einzuläuten, nichts ändern. Zuschauer schalten in diesem Fall also den Fernseher gezielt ein, um ein bestimmtes Programm  zu sehen.
  • Ein Konsum als reiner Zeitvertreib. Fernsehen stellt im Gegensatz zu anderen Freizeitbeschäftigungen die attraktivste Variante dar. Dabei kann gezielt ein bestimmter Inhalt konsumiert werden, darüber hinaus ist auch die Rezeption von Fernsehen generell denkbar. Im Sinne von Zubayr(Der treue Zuschauer: Zur Programmbindung im deutschen Fernsehen, 1996) spricht man von Media Seeking – d.h. der Zuschauer sieht einfach fern. Je nach individuellem Verhaltensmuster wird dabei aus einem gezielten Set an Sendern gewählt oder man schaltet durch das Programm. Konsumiert wird das Programm mit dem geringsten Umschaltreiz (Least Objectionable Program) – so lange, bis ein Umschaltreiz entsteht. Hierbei entsteht bei Sendungsende und der Rezeption der nachfolgenden Sendung auch der sogenannte Audience Flow, d.h. der Übernahme bzw. Übergabe von Publikum von einer Sendung an die andere.

Übertragungswege und Usability

Klassischerweise wird das Fernsehprogramm terrestrisch, über Kabel oder über Satellit empfangen – zunächst analog, dann digital. Je nach Empfangsart stehen unterschiedlich viele Fernsehprogramme zur Auswahl. Dabei wählt der Fernsehzuschauer jedoch auch mit steigender Anzahl verfügbarer Kanäle nach wie vor aus einer geringen Zahl an Kanälen, dem Relevant Set sein gewünschtes Programm aus. Die Programmauswahl erfolgt über die Fernbedienung. Im Normalfall wählt man das Programm direkt über Eingabe der Programmnummer, oder wechselt auf das nächsthöhere oder niedrigere Programm mit Hilfe der Pfeiltasten.

Programminformation

Etwas komplexer ist die Information über das Fernsehprogramm. Diese ist möglich über

  • ritualisierte und bekannte Programmplätze (etwa die Tagesschau um 20:00 Uhr – Wer wird Millionär am Freitag um 20:15 Uhr,…)
  • Den Konsum eines Fernsehprogramms, etwa als reine Programmzeitschrift, als Beilage in einer Zeitung, in einer Zeitung selbst
  • Die Konsultation eines EPG
  • Werbemaßnahmen der TV-Sender etwa durch Programmtrailer oder auch durch Off-Air Promotion.
  • Weitere Informationswege wie Weiterempfehlungen durch Freunde.

Programmkategorien

Für die weitere Betrachtung werde ich in fiktionale Unterhaltung und non-fiktionale Unterhaltung sowie Information und Sport als Programmkategorien unterscheiden. Programmkategorien ändern sich prinzipiell nicht, jedoch ist je nach Kategorie ein unterschiedlicher Wandel im Rezeptionsverhalten auszumachen.

Wie gestaltet sich die Zukunft des Fernsehens?

Was heißt das nun für das, was als Internetfernsehen bezeichnet wird? Wie ich schon ausgeführt habe, setzt modernes Fernsehen einen aktiven Konsumenten im Sinne von Lean-forward im Gegensatz zu einer Lean-back Konsumhaltung voraus. Damit rückt der Content-Seeker in den Mittelpunkt der modernen Medienrezeption. Mediatheken, Video-on-demand-Anbieter, selbst YouTube setzen eine aktive Auswahl eines bestimmten Programms voraus, im Zweifelsfall steht vor dem Medienkonsum auch noch die Bezahlung der entsprechenden Inhalte.

Was ist die Plattform der Zukunft?

Das klassische Fernsehen kannte unterschiedliche Übertragungswege. Vereinfacht gesagt, sahen die Inhalte aber überall gleich aus und wurden nur auf Geräten unterschiedlicher Hersteller dargestellt. Neben den herkömmlichen Übertragungswegen können Fernsehgeräte auch ans Internet angeschlossen werden, je nach Hersteller existieren unterschiedliche Bedienungsarten der sogenannten Smart TV Geräte. Diese sind jedoch meilenweit von Nutzerfreundlichkeit entfernt, so dass Richard Gutjahr sie unter SchmarrnTV bezeichnet. Daneben haben sich mit Laptops, PCs, Tablets und Smartphones weitere Geräte verbreitet, auf denen audiovisuelle Inhalte konsumiert werden. Die zukünftig dominierende Plattform, sollte es sie geben muss also die Einfachheit der Fernbedienung mit den modernen Bedienkonzepten von heute verbinden und gleichzeitig auf alle Geräteklassen übertragbar sein. Dabei gibt es folgende Herausforderungen

  • Programmwechsel funktionieren mit der Fernbedienung mit etwas Übung auch ohne den Blick auf selbige. In der einen Hand ein Bier (oder wahlweise ein Glas Wein), die andere baumelt lässig über die Sofalehne, der Finger auf dem aufwärts-abwärts-Knopf, diese Möglichkeit entfällt bei der Bedienung via Smartphone oder Tablet.
  • Klassische lineare Fernsehprogramme, die weiterhin ihre Berechtigung haben werden (siehe oben) müssen mit non-linearen Fernsehangeboten kombiniert werden. Dabei muss sowohl der Wechsel zwischen den Programmen innerhalb der Plattformen als auch zwischen den unterschiedlichen Plattformen überzeugen. Während sich z.B. Watchever sowohl auf dem iPad als auch auf AppleTV relativ gut bedienen lässt, ist beispielsweise die Bedienung der YouTube App auf AppleTV eine Katastrophe. Und während die Remote App von Apple zwar bei der Suchfunktion in diversen Apps auf AppleTV hilft, ist die Touch-Bedienung der reinste Witz. Ich sehe es deswegen ähnlich wie Richard Gutjahr, der im oben erwähnten Artikel die Zukunft von Apple TV nicht in einem Fernseher, sondern in einem Stick sieht, der sich auf die Kernfunktion, die Übertragung der Inhalte auf dem iPad via Airplay beschränkt. Eine Plattform würde also sowohl Bedienung und Auswahl der Programme vereinen. Trotz unterschiedlicher Ansätze, zuletzt mit Googles Chromecast, sehe ich noch kein überzeugendes Konzept. Als grobe Vision skizziert könnte ein Bedienkonzept wie folgt aussehen: Voraussetzung wäre die Verfügbarkeit der unterschiedlichen Programmanbieter über eine API – im Idealfall jeweils kombiniert in einer App. In dieser App kann ich die aktuellen Programme auswählen (und im Idealfall zeitversetzt sehen wie bei Magine oder auf Mediatheken zugreifen), ich habe Zugriff auf meine Abos, z.B. Watchever, Lovefilm etc. und bekomme jeweils neuen Content oder für mich passenden Content vorgeschlagen.

Die Kosten

Mit der Kostenfrage erklären sich auch die unterschiedlichen Motivationen für die unterschiedlichen Player. Während z.B. Watchever und Netflix auf Abo-Modelle setzen, entstehen Einnahmen beispielsweise bei Zattoo und YouTube dadurch, dass möglichst viele Menschen die eingeblendete Werbung sehen. Für Abo Modelle geht es vor allem darum, den Nutzer von Kündigungszeitpunkt zu Kündigungszeitpunkt davon zu überzeugen, das Abo weiterhin laufen zu lassen. Das funktioniert durch möglichst niedrige Beträge (wie sie z.B. auch beim Hörbuch-Abo-Dienst Audible üblich sind) und durch eine kontinuierliche Pflege des angebotenen Contents. Für Player, die von Werbeeinnahmen abhängig sind, gelten die gleichen Spielregeln wie für Fernsehsender. Zuschauer müssen so häufig wie möglich und so lange wie möglich auf die eigenen Plattform geholt werden.

Trotzdem stellt sich die Frage, wie viele Angebote neben dem Free-TV im Schnitt konsumiert werden. Mit dem Free-TV stehen kostenpflichtige Programme in einem Zeitwettbewerb, darüber hinaus untereinander in einem Wettbewerb um das Medienbudget der Haushalte. Verschiebungen z.B. aus dem Videoverleih und -kauf sind wahrscheinlich, trotzdem wird sich ein

Programminformation in Zukunft

Welche Inhalte lohnt es sich zu konsumieren? Was ist wann und wie lange verfügbar? Was früher durch Programmzeitschriften und ein klares Zeitraster leicht zu beantworten war, ist heute wesentlich komplexer, gleichzeitig aber auch persönlicher geworden. Empfehlungen von Freunden und Bekannten, eine der Hauptquellen für eine Programmentscheidung, sind heute beispielsweise via Facebook und Twitter so einfach zugänglich wie noch nie zuvor. Gleichzeitig müssen sie kanalisiert werden, um nicht zufällig, sondern als gezielt verfügbare Programminformation genutzt werden zu können. Meiner Meinung nach wird Facebook also nicht das Fernsehen ablösen, sondern höchstens die Fernsehzeitschriften.

Fazit

Wenn wir den Übergang vom klassischen Fernsehen zum modernen Internetfernsehen mit einem 800 Meter Lauf vergleichen, ist die erste Stadionrunde noch nicht gedreht. Gleichzeitig sind die Teilnehmer des Laufs unterschiedlich platziert, mit unterschiedlichen Chancen darauf, als erster das Ziel zu erreichen. Und die Zuschauer? Wollen unterhalten werden, d.h. zu langsam darf man nicht laufen.

Internetfernsehen – Zukunft des Medienkonsums?
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3 Gedanken zu „Internetfernsehen – Zukunft des Medienkonsums?

  • Pingback: Ersetzen Hände in Zukunft die Fernbedienung?

  • 29. April 2014 um 22:21
    Permalink

    „Die zukünftig dominierende Plattform, sollte es sie geben muss also die Einfachheit der Fernbedienung mit den modernen Bedienkonzepten von heute verbinden und gleichzeitig auf alle Geräteklassen übertragbar sein.“

    Dies hier könnte ein Schritt in diese Richtung sein: http://wp.me/p3wGTW-3R

    Antworten
  • 4. Mai 2014 um 20:07
    Permalink

    Video-on-demand Zapping klingt vielversprechend einfach. Und für mich könnte das tatsächlich ein Konzept für die Zukunft sein. Zwei Fragen bleiben für mich noch offen: wie viele nicht passende Programmvorschläge erträgt der VoD-Nutzer? Und wie wird die „Vorauswahl“ realisiert, d.h. der aktuelle Fakt, dass ich mit dem Wechsel zwischen RTL II und dem ZDF auch zwischen unterschiedlichen Programmwelten wechsle.

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